Selbstfürsorge – die schwerste Aufgabe?

Für sich selbst zu sorgen steht oft unter dem Verdacht, eine egoistische Handlung zu sein. Dabei ist Selbstfürsorge genau das Gegenteil: Sie ist die Übernahme von Verantwortung für sich selbst – und in der Folge eine Handlung, die auch unseren Mitmenschen zugutekommt.

In meiner frühen Jugend war Selbstfürsorge ein schweres Unterfangen für mich. Ich kannte weder meine eignen Bedürfnisse noch meine persönlichen Grenzen besonders gut. Ich stellte mich selbst oft hintenan und ließ andere bestimmen, was für mich dran und/oder gut war. Es ist sicher nicht verwunderlich, dass es mir damals weder körperlich noch seelisch wirklich gut ging.

Um gut für sich selbst sorgen zu können, braucht es das Wissen um die eigenen Bedürfnisse – und die eigenen Grenzen

Kenne ich meine Grenzen nicht, kann ich sie nicht achten. Kenne ich meine Bedürfnisse nicht, kann ich nicht dafür Sorge tragen, dass sie befriedigt werden. Beides dürfte auf der Hand liegen. Doch wie finde ich heraus, wo meine Grenzen sind? Wie verschaffe ich mir Klarheit über meine Bedürfnisse?

Akute Bedürfnisse wie Nahrung, Ruhe oder Bewegung spüren wir meistens von selbst. Tieferliegende Bedürfnisse sind manchmal nicht so offensichtlich. Diese mache ich mir selbst gerne klar, indem ich mir die Zeit nehme, wirklich ehrlich zu mir selbst zu sein und genau hinzuschauen. Meine Technik ist dabei recht simpel: Stift, Papier, ein ruhiger Ort und dann die Frage: Was brauche ich? Und: Was brauche ich wirklich?

Die Ehrlichkeit zu sich selbst ist meiner Erfahrung nach ein entscheidender Faktor, wenn die Antwort auf beide Fragen am Ende auch zutreffend sein soll. Denn zum einen muss ich mir selbst eingestehen, woran es mir vielleicht mangelt – Zuwendung, Erfolg, Zufriedenheit etc. Zum anderen muss ich überprüfen, ob das, was ich glaube zu brauchen, auch das ist, was ich wirklich brauche – Geld, Karriere, Kinder. Ich muss also einerseits meine eigenen Glaubenssätze prüfen und mich andererseits mit Dingen auseinandersetzen, die ich im Alltag vielleicht gerne wegdrücke.

Und auch, wenn es manchmal einiges an Überwindung kostet, genau diese Dinge anzuschauen, hat mir das Hinsehen bisher letztlich immer ein unglaubliches Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit beschert. Denn verdeutliche ich mir, was ich (wirklich) brauche und was nicht, kann ich anfangen, loszulassen. Oder aktiv überlegen, wie ich meine Bedürfnisse befriedigen kann.
Darum führe ich solche Bedürfnis-Listen inzwischen ganz gerne.

Wie erkenne ich meine Grenzen?

Die Frage nach meinen persönlichen Grenzen war für mich immer deutlich schwerer zu beantworten, als die Frage nach meinen Bedürfnissen. Ich war lange Zeit eine Dulderin, habe viel ausgehalten – und dabei gedacht, das müsste ich so machen. Ich habe nicht gespürt, wann für mich Schluss war. Bis es geknallt hat. Der „Knall“ äußerte sich dann entweder als Wutausbruch meinerseits oder als körperlicher Schmerz.

In meiner Jugend (und auch heute noch) war es darum für mich von entscheidender Bedeutung, meine eigenen Grenzen zu erkunden. Dabei gibt es zwei einfache Leitfragen, die das Thema auf den Punkt bringen: Was will ich? Und: Was will ich nicht?

Beide Fragen scheinen ähnlich simpel, wie die Fragen nach den Bedürfnissen. Auch hier ist es allerdings wichtig und ratsam, ehrlich sich selbst gegenüber zu sein und genau hinzusehen. Antworten können dann zum Beispiel so klingen:

  • Ich will nicht, dass mir fremde Menschen zu nahe kommen
  • Ich will nicht, dass jemand ruppig mit mir umgeht
  • Ich will nicht, dass jemand seine Wut an mir auslässt
  • Ich will selbst bestimmen können, wann ich dieses oder jenes tue
  • Ich will keine Überstunden machen
  • Ich will genug Zeit für mich haben

Wenn du ein gutes Körpergefühl hast, spürst du auch auf körperlicher Ebene sehr genau, wann deine Grenzen erreicht und/oder überschritten werden: Kommt ihr beispielsweise im Supermarkt oder in der U-Bahn jemand zu nahe – auch wenn er oder sie das nicht böswillig tut – spürst du vielleicht eine Enge in der Brust oder in der Kehle und weichst beinahe automatisch soweit zurück, bis du dir wieder den Abstand geschaffen hast, der für dich angenehm ist.

Die eigenen Grenzen zu kennen, ist die Voraussetzung dafür, sie auch kommunizieren zu können. Anhand der Beispiele wird aber vielleicht auch klar, dass andere Menschen meine Grenzen – ob nun absichtlich oder unabsichtlich – auch dann überschreiten werden, wenn ich mir meiner Grenzen bewusst bin. Und hier kommt dann die unter Umständen hart zu erlernende Fähigkeit des Grenzenwahrens ins Spiel – das „Nein“-Sagen.

Schaffe ich es, meine Grenzen zu wahren und für meine Bedürfnisse zu sorgen, stellt sich auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit ein: Ich erlebe, dass ich aktiv etwas für mich tun kann. Dass ich meine Situation verändern kann. Dass ich für mich selbst etwas bewirken kann.

Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sie ist Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein

Dass Selbstfürsorge alles andere als egoistisch ist, wird klar, wenn wir uns vor Augen führen, dass Selbstfürsorge eng mit Selbstregulation verbunden ist – also der Fähigkeit, die uns in die Lage versetzt, unsere Emotionen und Stimmungen selbst wieder in Balance zu bringen. Dazu noch ein Beispiel aus meinem Alltag:

Als Mutter einer zweijährigen Tochter habe ich meine Selbstfürsorge zuletzt häufig vernachlässigt, manchmal auch vernachlässigen müssen: Ich habe wenig Zeit für Pausen; Sport und Bewegung kommen schon lange zu kurz und auch soziale Kontakte kann ich nicht in dem Umfang pflegen, wie ich es von früher gewohnt bin. Das führte in letzter Zeit dazu, dass ich täglich unzufriedener wurde. Meine Tochter ist nun seit einer Weile dabei, ihre eigenen Grenzen zu erkunden und nicht selten durch lautstarkes „Nein“ kundzutun. Auch Wut- und Verzweiflungsausbrüche ihrerseits standen häufig auf der Tagesordnung, wenn ich sie fürs Rausgehen anziehen wollte oder es ans Zähneputzen ging.

Und obwohl ich wusste, dass sich ihre Ausbrüche nicht gegen mich richten und ich sie auch nicht persönlich nehmen sollte, fiel es mir in den letzten Wochen immer schwerer, ruhig zu bleiben, wenn mir ein solcher Sturm entgegen tobte. Ich war ja selbst unzufrieden und unausgeglichen und hatte in der Folge keine Ressourcen mehr, um die Wut abzufangen und mich selbst „zu halten“. Im schlimmsten Fall wurde ich dann irgendwann selbst laut, was die ganze Situation nur noch verschlimmerte.

Erst, seit ich mir Methoden überlegt habe, wie ich selbst trotz wenig Zeit für die Befriedigung meiner Bedürfnisse sorgen kann, schaffe ich es, in solch stürmischen Momenten die nötige Ruhe zu bewahren und meiner Tochter die Orientierung zu bieten, die sie dann braucht.

Und auch abseits des Elternseins greift das Argument, das Selbstfürsorge auch anderen zugute kommt. Denn sorge ich für mich selbst, kann ich meine Stimmungen und Emotionen regulieren, ohne sie an anderen auslassen oder andere dafür verantwortlich machen zu müssen. Ich übernehme die Verantwortung für mich und für meine Gefühle und sorge aktiv dafür, dass es mir besser geht. In der Folge kann ich anderen Menschen gegenüber klar und wertschätzend bleiben. So wird Selbstfürsorge zu einem klassischen „Win-Win“ für alle Beteiligten.


Photo by Madison Inouye on Pexels.com

Hinterlasse einen Kommentar