Es liegt vermutlich nahe, dass ich mit Boxsport im Allgemeinen nicht allzu viel anfangen kann. Allerdings gibt es in dieser Sportart eine Tradition, die sich auch abseits des Ringes wunderbar als Technik zur Steigerung des Selbstwirksamkeitsgefühls eignet: Der sogenannte Walk-up-Song.
Titel wie Survivors „Eye of the Tiger“, Ram Jams „Black Betty“ oder „Can’t Stop“ von den Red Hot Chili Peppers kennt vermutlich jede:r. Und vielleicht haben einigen Menschen beim Hören dieser Songs auch eine Szene vor Augen, die einen beliebigen Sportler beim Eintreten in eine Arena involviert.
Das wäre nicht verwunderlich, denn Stücke wie diese sind typische Beispiele eines sogenannten „Walk-up-Songs“. Ein Walk-up-Song ist ein Musiktitel, der für eine:n Sportler:in gespielt wird, wenn er oder sie die Halle betritt. Diese Stücke werden eingesetzt, um im Innern des:der Athlet:in klassische Gedanken von Selbstwirksamkeit zu erzeugen, wie: Ich schaffe das! Ich bin der Herausforderung gewachsen! Oder: Ich werde gewinnen! Gleichzeitig können sie nach Außen hin bestimmte Bilder transportieren und – in einigen Fällen – auch Ausdruck der Persönlichkeit des jeweiligen Sportlers sein.
Der Walk-up-Song motiviert und vermittelt ein „I can do it!“-Gefühl
Im Sport, vor allem beim Boxen und im Wrestling (aber auch im Snooker, wie ich bei der Recherche für diesen Text lernen durfte), ist der Walk-up-Song schon lange eine etablierte Tradition. Dass das Konzept aber auch außerhalb des Sports ein „Ding“ sein kann, habe ich zum ersten Mal in einem Interview mit der Schauspielerin Daisy Ridley gehört.
Ridley wurde in diesem Gespräch gefragt, ob sie eigentlich einen persönlichen Walk-up-Song habe, also einen Titel, der sie ansporne und ihr das Gefühl von Selbstwirksamkeit vermittele.
Über die Frage musste ich schmunzeln und dachte: „Klar, so einen Song habe ich auch!“ Und: „Was für eine schöne Technik, von der ich unbedingt hier erzählen sollte.“
Kennst du deinen Walk-up-Song?
Ich wage an dieser Stelle die Behauptung, dass fast jede:r Mensch bereits einen solchen Walk-up-Song hat – ohne ihn bisher vielleicht so benannt zu haben. Der Titel, der mir unmittelbar beim Hören der Frage an Daisy Ridley in den Kopf kam, dient mir schon seit langem als Seelentröster in herausfordernden Zeiten. Ich höre ihn aber auch, wenn ich mir selbst ohne offensichtlichen Anlass das Gefühl vermitteln möchte, dass ich stark und kraftvoll bin. Manchmal höre ich den Song auch einfach nur, um gute Laune zu bekommen.
Hast du beim Lesen dieses Textes inzwischen auch schon an diesen einen Song gedacht, den Du hörst, um dich stark zu fühlen? Der Song, der Dir Selbstvertrauen schenkt. Der Song, der Dir in schlechten Zeiten wieder auf die Füße hilft? Dein persönlicher Walk-up-Song eben?
Wenn du deinen Walk-up-Song kennst, dann probiere doch mal folgendes:
Übung
Nimm Dir Zeit, um Deinen Walk-Up-Song bewusst zu hören. Das kannst Du zu jedem beliebigen Zeitpunkt machen – entweder aus gegebenem Anlass oder einfach so. Spiele den Titel ab und stelle sicher, dass Du für die Dauer der Übung nicht gestört wirst. Beobachte nun, wie dein gesamtes System – Körper, Geist, Seele/Psyche – auf den Song reagieren: Kriegst Du Gänsehaut? Macht sich ein Lächeln breit? Welche Gedanken tauchen auf? Wie fühlst Du dich? Welche Bewegungen möchte dein Körper machen? Und so weiter.
Schreibe Dir deine Beobachtung im Nachgang gerne auf. Und nutze deinen persönlichen Walk-up-Song nun immer dann, wenn Du ihn brauchst, um dich (wieder) in deiner Kraft zu fühlen.
In einem weiteren Schritt kannst Du dir auch den Song selbst genauer anschauen und überlegen, was den Titel ausmacht: Wie klingt die Musik? Ist sie laut oder leise? Ist schnell oder ruhig? Welche Instrumente kommen vor? Hat das Stück einen Text? Wenn ja, worum geht es darin? Wer ist der:die Interpret:in?
Vielleicht liefert Dir diese Auseinandersetzung mit dem Stück selbst weitere Anhaltspunkte darüber, warum genau dieser Song genau der richtige Walk-up-Song für dich ist.
Und was mache ich, wenn ich keinen Walk-up-Song habe?
Wenn Du noch keinen Walk-up-Song gefunden hast, dann achte beim Musikhören ab sofort darauf, ob ein Song dir das Gefühl von Selbstwirksamkeit vermittelt. Wenn Du einen Song gefunden hast, der das tut, dann eignet sich dieser Titel als Walk-up-Song. Probiere die Übung dann gerne mit diesem Titel. Wenn Dir im Laufe der Zeit ein anderes Stück passender erscheint, versuche es mit diesem.
Als Daisy Ridley im Interview übrigens ihren Walk-up-Song verriet, musste ich nochmal schmunzeln, denn offenbar nutzt die Schauspielerin den gleichen Song wie ich für ihren Selbstwirksamkeits-Push: „I’ll make a man out of you“ aus Disneys „Mulan“. Was soll ich sagen: Wir sind eben die gleiche, von-Disney-sozialisierte Generation 😉
Kennst du deinen Walk-up-Song? Und wenn ja, welcher ist es?
Photo by Rodolfo Clix on Pexels.com


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